28.08.2016 - Unbarmherzig vibriert mich der Wecker aus dem Schlaf. Wie jeden Morgen packe ich meinen Rucksack und meinen Packbeutel und verlasse geräuschlos den Schlafsaal. Auf dem Weg nach draußen wecke ich Pia noch wie vereinbart. Draußen auf dem Gang verabschieden wir uns voneinander. Eine unvergessliche gemeinsame Zeit geht leider zu Ende. Doch für uns steht fest, dass wir nicht das letzte Mal gemeinsam unterwegs waren. Während ich mich auf den Weg zu den Waschräumen mache, kriecht Pia noch für ein paar Minuten in den Hüttenschlafsack. Für sie steht heute nur der Abstieg nach Hintertux an.

Doch auch ich habe es heute nicht so richtig eilig. Die Etappe ist nicht lange und ich sitze erst einmal noch gemütlich im Wintergarten der Hütte und packe in aller Ruhe meinen Rucksack fertig. Als Frieder dazukommt, unterhalten wir uns noch angeregt eine ganze Weile. Und irgendwann taucht auch Pia nochmal auf. So lange hat es sie wohl doch nicht mehr im Lager gehalten und ich habe wohl länger mit gequatscht, als mir bewusst war. Und so verabschieden wir uns noch einmal, bevor ich dann wirklich aufbreche. Den anderen wünsche ich eine schöne Tagesetappe und verabschiede mich bis später auf der Olperer Hütte.

Tuxerjochhaus im Morgenlicht

Dann mache ich mich auf den Weg durch das von Gletscher und Skigebiet gezeichnete Gebiet um den Tuxer Gletscher. Der Gletscher selbst muss sich in den vergangenen Jahren weit zurückgezogen haben. Frieder hatte mir bei unserem Gespräch von den Ausdehnungen des Gletschers erzählt, die er vor einigen Jahren noch mit eigenen Augen gesehen hatte.

Von meinem Frühstücksplatz vor dem Spannagelhaus überblicke ich die Liftanlage, die sich aus dem Tal in Richtung Gletscher zieht. Selbst jetzt mitten im Sommer fahren die Gondeln schon und bringen Besucher auf den Gletscher. Angeblich ist sogar schon Skibetrieb angesagt. Irgendwie stimmt mich das ganze nachdenklich. Was tun wir Menschen der wundervollen Bergwelt an, nur damit wir unseren Spaß haben können. Muss das wirklich sein? Oder gibt es auch schonendere Wege, im Umgang mit unserer Umwelt, ohne dass auf jeden Spaß verzichtet werden müsste?

Nach dem Frühstück geht es zum Anstieg in Richtung der Friesenbergscharte. Mit 2904m über dem Meeresspiegel ist sie einer der höchsten Punkte auf meinem Weg über die Alpen von Bad Tölz nach Belluno. Im Aufstieg liegen tatsächlich noch vereinzelt noch Altschneefelder und der ein oder andere Schritt durch Schnee muss gemacht werden. Insgesamt gestaltet sich der Weg, der größtenteils durch Geröll und Blockwerk führt, aber vollkommen unproblematisch.

Auf dem Weg zur Friesenbergscharte

Und so stehe ich schon bald oben auf der Friesenbergscharte. Bevor ich daran denke ein paar Fotos von der Aussicht zu machen, krame ich erst einmal in meinem Rucksack nach einem Müsliriegel und mache es mir auf einem Steinsims bequem. Manchmal sollte man Dinge nicht aufschieben. In diesem Fall das Fotografieren. Denn kaum sitze ich bequem, zieht eine Nebelwand auf und versperrt die Sicht auf Friesenberghaus und den See.

Doch der Wind treibt die Nebelfetzen vor sich her und so entstehen hin und wieder Löcher, die den Blick in Richtung der Hütte teilweise freigeben. Wenige Augenblicke später ist die Sicht dann aber schon wieder auf wenige Meter reduziert.

Friesenberghaus

Bei wechselnden Sichtverhältnissen beginne ich den Abstieg von der Friesenbergscharte. In meinem Wanderführer ist dieser Abstieg als eine der anspruchsvollsten Abschnitte meiner Alpenüberquerung beschrieben. Entsprechend gehe ich das Ganze auch konzentriert an. Ich merke aber bald schon, dass alles halb so wild ist. Für jemanden, der vorher schon Erfahrung mit Bergtouren und etwas ausgesetzte Gelände, das mit Stahlseilen versichert ist hat, kann die Stelle locker angehen. Aber auch für Leute mit weniger Erfahrung, sollte die Stelle keine Probleme darstellen, wenn sie mit Konzentration und Respekt vor dem Gelände angegangen wird.

Abstieg von der Friesenbergscharte

Danach teilt sich die Etappe bis zur Olperer Hütte den Weg mit dem Berliner Höhenweg. Das faszinierende an diesem Wegabschnitt ist es, wie der Weg angelegt ist. Überall, wo es durch Geröll und Blockwerk geht, sind die Steine so angeordnet, dass der Weg wirkt, als wäre er gepflastert. Mich fasziniert es, was hier für ein Aufwand betrieben wurde. Ich kann aber nicht den Effekt leugnen, den der schöne Weg auf mich als Wanderer hat. Danke an all diejenigen, die so viel Mühe und Arbeit in die Wege stecken. Nicht nur an dieser besonderen Stelle. Sondern überall in den Bergen. Es ist keinesfalls selbstverständlich, dass die Wege überall so gut in markiert und gepflegt sind.

Liebevoll angelegter Weg

Das Stück nach dem Abstieg bis zur Olperer Hütte zieht sich. Normalerweise unterlaufe ich die meisten Zeitangaben auf den Wegweisern mal mehr und mal weniger. Auf diesem Stück habe ich aber keine Chance. Ich brauche die volle Zeit, die angegeben ist. Die Hütte erreicht man über eine Hängebrücke, die einen Gebirgsbach überspannt.

Hängebrücke zur Olperer Hütte

Kurz vor der Hütte holt mich Heiko ein, während ich gemütlich auf einer Steinplatte liege und die Sonne genieße. Er ist in einem ähnlichen Tempo unterwegs wie ich, läuft morgens aber meistens etwas später los. Es ist gerade einmal halbzwölf, als wir an der Olperer Hütte ankommen. Heiko kommt gleich mit der Idee auf, dass wir ja noch einen Teil der nächsten Tagesetappe dranhängen können. Sein Plan steht für ihn fest, nachdem wir den Wetterbericht für die nächsten Tage angeschaut haben, der in der Hütte aushängt.

Von Norden her soll am nächsten Tag ein Gewitter aufziehen. Mein Plan, am nächsten Tag den Hohen Riffler zu besteigen und dadurch Lukas die Zeit zu geben, die Tagesetappe aufzuholen, die er beim Aufstieg aus dem Inland auf mich verloren hatte, hat sich somit erledigt. Vor allem, da die Friesenbergscharte bei Gewitter auch nicht wirklich passierbar ist.

Für mich gibt es jetzt verschiedene Alternativen. Ich kann an meinem ursprünglichen Plan festhalten und auf Lukas warten. Das bedeutet, dass ich den restlichen Tag auf der mit Tagesgästen überfüllten Olperer Hütte festsitze und am nächsten Tag es riskiere, wegen Gewitter, dort einen weiteren Tag festzusitzen. Dafür wäre ich dann weiterhin mit den bekannten Gesichtern unterwegs, mit denen ich jeden Abend auf den Hütten eine gute Zeit verbracht habe. Oder ich mache mich mit Heiko auf den Weg zum Pfitscherjochhaus und versuche dem Gewitter nach Süden davonzulaufen.

Mir fällt die Entscheidung nicht leicht. Während ich auf meinem Mittagessen herumkaue, das mal wieder aus Studentenfutter besteht, wälze ich meine Gedanken hin und her. Heiko ist da pragmatischer und bricht auf, sobald er eine kleine Stärkung zu sich genommen hat.

Kurz darauf treffe ich meine Entscheidung. Ich werde versuchen Heiko einzuholen. Die Aussicht eineinhalb Tage auf der Hütte festzusitzen und dem Problem, dass Lukas vermutlich am nächsten Tag die Friesenbergscharte gar nicht in Angriff nehmen können wird, geben für mich den Ausschlag.

Das bedeutet allerdings auch, dass ich die Gruppe hinter mir lassen werde, mit der ich bisher jeden Abend verbracht habe. Einen richtigen Abschied wird es nicht geben. Aber ich schreibe noch einen kurzen Brief, den ich beim Hüttenwirt hinterlege. Hoffentlich kommt er an. So ein wenig haben wir bisher schon gegenseitig darauf geachtet, dass am Abend jeder heil auf der Hütte angekommen ist. Nachdem ich morgens angekündigt hatte, dass ich auf der Olperer Hütte sein würde, ist es das mindeste, dass ich eine kurze Nachricht hinterlasse, dass ich doch schon weitergezogen bin.

Ein kurzer Anruf auf dem Pfitscherjochhaus, ob für die Nacht noch ein Schlafplatz frei ist, und dann geht es los mit dem Ziel Heiko einzuholen. Zügig bergauf und im Laufschritt bergab. Heiko ist schnell unterwegs, das wird sportlich die 20 Minuten Vorsprung einzuholen, die er bereits hat. Weiterhin begleiten mich die wunderschön angelegten Wege durch die Geröllfelder. Einmal geht es sogar bestimmt hundert Höhenmeter auf einer Treppe aus Steinplatten bergab. Einfach nur unglaublich, mit welcher Liebe und Mühe die Wege Rund um die Olperer Hütte angelegt wurden.

Nach einer Weile schaffe ich es tatsächlich Heiko einzuholen, auch wenn ich nach dem Anstieg, an dem ich ihn letztendlich treffe, ziemlich außer Atem bin. Doch viel Zeit zum Verschnaufen bleibt nicht. Hinter uns beginnen sich die Wolken aufzutürmen. Das Gewitter scheint nicht bis morgen warten zu wollen. Deshalb geht es zügig weiter.

Kurz vor dem Pfitscherjochhaus passieren wir die Grenze zwischen Österreich und Italien. Nach Deutschland und Österreich bin ich jetzt also im dritten Land meiner Alpenüberquerung angekommen.

Grenze zwischen Österreich und Italien - Danke an Heiko für das Foto

Auf dem Pftischerjochhaus angekommen, machen wir es uns auf den Bierbänken davor gemütlich und legen die müden Beine hoch. Während wir noch unser Radler trinken, werden die Wolken über uns immer dunkler. Als die ersten Tropfen vom Himmel fallen, setzen wir uns in die Gaststube. Die Spaghetti, die es dort dann zum Abendessen gibt sind ein Traum. Nicht nur im Vergleich zum Essen auf dem Tuxerjochhaus am Abend zuvor. Noch während dem Essen sehen wir, wie draußen die Blitze zucken und hören den Donner grollen. Außerdem bläst ein heftiger Wind um die Hütte.

Als es Zeit für die Hüttenruhe ist, mache ich mich begleitet vom Grollen des Donners auf den Weg ins Schlaflager. Hoffentlich sitze ich morgen nicht wegen schlechten Wetters auf der Hütte fest, denke ich mir noch beim Einschlafen.

Dunkle Wolken vor dem Pfitscherjochhaus