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24.08.2016 - 3:00 Uhr – Der Vibrationsalarm meines Handys ging in meinem Hüttenschlafsack los. Total müde schalte ich das Handy schnell aus. Die Nacht war grausam gewesen. Ich hatte mir einen Platz direkt an der Treppe des Lagers gesucht, damit ich beim Aufstehen niemanden wecke. Leider musste in der Nacht gefühlt alle zehn Minuten irgendjemand aufs Klo. Das Problem war, dass nicht nur die Treppe furchtbar knarzte, sondern auch gleich die ganze Matratze sich bewegte, wenn jemand die Treppe runter zum Klo ging.

Aber es half alles nichts, wenn man sich zu dritt in den Kopf gesetzt hatte, dass man den Sonnenaufgang auf der Birkkarspitze erleben möchte. Also stopfte ich mit den gewohnten Handgriffen meine Sachen in Rucksack und Packsack und bewegte mich dann möglichst leise die knarzenden Treppen runter bis in den Schuhraum. Dort schnell in die Wanderklamotten geschlüpft und die Rucksäcke gepackt. Und um 3:15 Uhr standen Pia, Lukas und ich abmarschbereit mit Stirnlampen auf dem Kopf vor dem Karwendelhaus. Die Entscheidung, ob es jetzt die beste Idee war, dass Pia noch schnell ein Foto von Lukas (links mit blauer Mütze) und mir (rechts mit grünem Rucksack) machte, überlasse ich jetzt einfach mal Euch.

Lukas(links) und ich(rechts) vor dem Karwendelhau - Danke für das Foto Pia

Im Schein der Stirnlampen ging es die leichte Kraxelei durch die Lawinenbrecher des Karwendelhauses aufwärts. Nebenbei aß jeder schnell einen Müsliriegel. Frühstück würde es später geben. Schnell wurde uns ziemlich warm und schon bald war der erste Halt zum Ablegen von überflüssigen Kleidungsschichten fällig. Nur weil es früh in der Nacht ist heißt es nicht zwingend, dass es so kalt ist, wie man sich das vielleicht vorstellt. Wir hatten uns einfach viel zu dick eingepackt. Aber wofür hat man beim Wandern die ganzen Schichten, die sich leicht an- und ausziehen lassen?

Kurz darauf erreichten wir das Schuttfeld, das sich bis fast an den Schlauchkarsattel unterhalb des Gipfels der Birkkarspitze hochzog. Hier stellte sich ziemlich schnell heraus, dass es gar nicht so einfach war, im kleinen Lichtkegel der Stirnlampe den Verlauf der getrampelten Wege durch den Schotter zu finden.

Irgendwann merkten wir dann, dass die Pfade besser zu sehen waren, wenn wir die Stirnlampen einfach ausmachten und nur im Mondlicht liefen.

Aufstieg durch das Schlauchkar bei Mondlicht

Es war eine sternenklare Nacht und so konnte man im Mondlicht ziemlich gut sehen, wenn sich die Augen erstmal an das Licht gewöhnt hatten. Vor allem war man nicht mehr auf die kurze Reichweite des Lichtkegels der Stirnlampe angewiesen, sondern hatte einen deutlich besseren Überblick über das weitere Umfeld.

Und auf einmal waren auch die Sterne zu sehen. Was es für einen riesen Unterschied macht, ohne künstliches Licht unterwegs zu sein. Ich konnte mich gar nicht sattsehen an den Sternen über uns. In jeder Pause in der wir aufeinander warteten wanderte mein Blick zum Sternenhimmel. Wenn man sonst meistens nur den lichtverschmutzten Himmel unserer Städte sieht, dann ist der Nachthimmel in den Bergen umso beeindruckender. Sogar die eine oder andere Sternschnuppe huschte über den Himmel.

Sternenhimmel über dem Schlauchkar

Als wir dem Schlauchkarsattel näher kamen, begann sich der Himmel in der Ferne langsam ganz leicht einzufärben. Die ersten Zeichen der Morgendämmerung. Gleichzeitig wurde das Gelände immer felsiger und das Geröll wurde weniger. Ohne die vorgetrampelten Pfade wurde die Wegfindung nun etwas schwieriger. Für die grobe Richtung ging ich nach wie vor ohne Stirnlampe vornweg. Pia, die an zweiter Stelle ging, übernahm es allerdings mit ihrer Stirnlampe nach den Wegmarkierungen in Form von roten Punkten Ausschau zu halten. Und so erreichten wir ohne größere Probleme den Schlauchkarsattel.

Wir stellten unsere Rucksäcke im Windschatten einer kleinen Felswand ab und packten uns unser Frühstück in die Taschen. Außerdem zogen wir uns wieder unsere warmen Sachen an. Wir waren alle durch den Aufstieg etwas verschwitzt und es ging ein ordentlicher Wind.

Morgendämmerung über dem Karwendel

Schnell überwanden wir die teils stahlseilversicherten letzten Meter bis zum Gipfel. Mit 2749 Meter über dem Meeresspiegel standen wir auf dem höchsten Gipfel des Karwendels. Wir hatten einen wunderschönen Blick auf die Bergspitzen um uns herum, die mit den Farben der Morgendämmerung beleuchtet wurden.

Während wir darauf warteten, dass die Sonne endlich über den Horizont stieg, war Zeit zum Frühstücken. Bei mir gab es wie jeden Morgen Müsli. Auch wenn es durch den Wind ziemlich frisch war, schmeckte das Frühstück ausgezeichnet. Wie kann es auch anders sein, wenn man auf die Welt um sich herum herunterblickt und auf einen wunderschönen Sonnenaufgang wartet?

Inzwischen hatte sich einer der Wanderer aus der Biwakhütte mit einem „Ihr seids aber cool“ zu uns gesellt. Er fand es sichtlich erheiternd, dass wir schon zum Sonnenaufgang hier oben waren. Schlechte Stimmung, weil wir ihn geweckt hatten, gab es nicht.

Sonnenaufgang auf der Birkkarspitze

Und dann kam die Sonne. Langsam schob sie sich über den Horizont und schickte nach und nach die ersten vereinzelten Lichtstrahlen. Es ist immer wieder angenehm, wie schon die ersten Sonnenstrahlen angenehm wärmen.

Pia kam auf die Idee, dass wir doch unbedingt alle irgendwelche Yoga-Posen im Gegenlicht machen müssten. Gesagt, getan. Es bot sich aber auch einfach nur zu gut an und wir hatten unseren Spaß.

Inzwischen badete die Sonne den rauen Fels um uns herum in goldenem Licht. Mich faszinierte das Spiel von Licht und Schatten entlang der scharfen Kanten der Grate. Die ein Seite warm beleuchtet, die andere Seit dunkel und grau.

Licht und Schatten

Doch auch die schönsten Sonnenaufgänge gehen irgendwann vorüber. Und wir hatten noch einen ordentlichen Teil unserer Tagesetappe vor uns. Langsam stiegen wir zum Schlauchkarsattel ab, wo wir unsere Rucksäcke abgestellt hatten. Auf dem weg saugte ich nochmal all die Eindrücke in mich auf, die der höchste Punkt im Karwendel zu bieten hatte.

Die Rucksäcke waren schnell wieder gepackt und geschultert. Und dann hatten wir unseren Abstieg vor Augen. Nochmal die Hälfte an Höhenmetern mehr, als was wir zur Birkkarspitze aufgestiegen waren. Geröllfelder und Fels bis fast zum Talboden. Und ein nach Süden ausgerichteter Talkessel. Ich war so froh, dass wir früh unterwegs waren. Noch stand die Sonne nicht hoch genug, um dort hineinzuscheinen.

Der lange Abstieg durch das Birkkar

Der Abstieg zog sich eine gefühlte Ewigkeit hin. Die stahlseilversicherten Stellen am Anfang machten noch Spaß. Doch schon viel zu schnell wurden sie durch nicht enden wollende Geröllfelder abgelöst. Die einzige wirkliche Abwechslung bis zum Boden des Tals war die Steigung. Steile Stücke wechselten sich mit ebenen Stellen ab. Das war es. Zum Glück gab es das ein oder andere Geröllfeld, über das man schön abfahren konnte. Das hob dann immer die Motivation und ermöglichte es ein paar schnelle Höhenmeter zu verlieren.

Doch zum Glück hatte auch dieser Abstieg irgendwann ein Ende. Wenige Höhenmeter, bevor wir den Boden des Tals erreichten, bekamen wir die erste Sonne im Abstieg ab. Wir schauten uns an und uns war klar, dass wir alles richtig gemacht hatten. Keiner von uns hätte Lust gehabt diesen Abstieg im prallen Sonnenschein zu machen.

Vom Talboden aus war es nur noch ein kurzes Stück bis zur Kastenalm. Malerisch gelegen und durch einen urigen Wirt mit Rauschebart bewirtschaftet lud sie uns ein zu verweilen und uns zu stärken. Bei den unglaublich leckeren Schinkenplatten, Kaminwurzen und hausgemachtem Kuchen begingen wir wohl den größten Fehler des Tages. Wir machten es uns zu lange gemütlich. Da wir früh genug dran waren, gönnten wir uns eine fast zweistündige Pause.

Kastenalm

Das rächte sich, als wir dann noch den letzten Anstieg bis zur Hütte in Angriff nahmen. Es waren nicht mehr so super viele Höhenmeter. Nicht einmal halb so viele, wie wir vor Sonnenaufgang auf die Birkkarspitze aufgestiegen waren. Doch irgendwie hatte sich mein Körper schon auf Feierabend eingestellt und jeder Schritt war unglaublich anstrengend. Den anderen beiden erging es nicht besser.

Wir taten uns alle unglaublich schwer auf diesem letzten Teilstück unserer Tagesetappe. Besonders gut lässt sich das wohl an den Reaktionen auf den letzten Anstieg zum Hallangerhaus, unserer Hütte für die kommende Nacht, festmachen. Nach einem knackigen Anstieg direkt nach der Kastenalm, verlief der Weg in sanfter Steigung auf dem Boden des Tals entlang. Kurs vor dem Ziel kommt man allerdings um eine Kurve und sieht plötzlich die letzten Meter bis zur Hütte vor sich.

Durch keinen einzigen Baum verdeckt sieht man, wie sich der Weg die letzten steileren Meter bis zur Hütte zieht. Pia beschloss bei dem Anblick, dass sie im Schatten eines Baumes nochmal eine Pause einlegen würde. Lukas stapfte wild entschlossen aber sichtlich nicht begeistert weiter. Und ich stand in der Mitte und wusste nicht, was ich machen sollte.

Eigentlich teilt man sich nicht auf, wenn man gemeinsam losläuft. Auf der anderen Seite war der Weg an dieser Stelle ein breiter Fahrweg, der nun wirklich kein Risiko darstellte. Nachdem mir Pia bestimmt drei Mal versichert hatte, dass ich ruhig mit Lukas vorgehen konnte, machte ich das dann auch.

Nach dem letzten Anstieg kamen wir auf dem urigen Hallangerhaus an und wurden von der freundlichen Hüttenwirtin begrüßt. Nachdem wir uns angemeldet hatten und es uns auf der Terasse gemütlich gemacht hatten, kam Pia dann auch schon bald nach.

Hallangerhaus

Nach und nach trafen alle unsere Mitwanderer ein und gemeinsam verbrachten wir einen gemütlichen Abend auf dem Hallangerhaus. Die Hüttenwirtin sorgte in ihrer freundlichen Art für Speis und Trank und so ließen wir diesen Tag ausklingen. An diesen Tag, der bei einem wunderschönen Sonnenuntergang auf der Terasse des Hallangerhauses zuende ging, würde ich mich noch lange gerne zurückerinnern. Klar war er anstrengend, aber die Anstrengung hatte sich allemal gelohnt.

Sonnenuntergang - Beobachtet von der Terasse des Hallangerhaus