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22.08.2016 - Um 5 Uhr klingelte mein Wecker und ich schlich mich so leise wie möglich aus dem Lager. Wichtig ist es, schon am Vorabend die Sachen so zusammenzupacken, dass man nicht mehr herumkramen muss. Das verhindert unnötige Unruhe und schenkt den Mitwanderern die ein oder andere zusätzliche Minute Schlaf. Mit all meinen Sachen bepackt ging es in den Schuhraum zum Anziehen. Dann noch die Trinkblase am Wasserhahn auffüllen und alles wieder im Rucksack verstauen. Damit kann man erstaunlich viel Zeit verbringen. Aber um 5:30Uhr war ich dann soweit und konnte die Hütte verlassen.

Das erste was ich sah, war die Wolke, die die Benediktenwand einhüllte. Das sah jetzt nicht nach einem atemberaubenden Sonnenaufgang aus. Aber ich war jetzt nun mal schon wach und vielleicht würde sich die Sonne ja durch die Wolke brennen. Noch befand ich mich in vertrauter Umgebung, da ich in diesem Jahr bereits zwei Mal auf der Benediktenwand war. Doch irgendwie zog sich der Aufstieg an diesem Morgen in die Länge.

Als ich oben ankam und auf die Uhr schaute war der Sonnenaufgang schon vorbei. Allerdings war das auch relativ egal, da sich die Wolke natürlich nicht verzogen hatte. Außerdem kam noch Wind dazu. Nasskalte Luft und Wind macht einfach keinen Spaß. Trotzdem musste ich irgendwie frühstücken. Also Müsli ausgepackt, in den Windschatten von ein paar Felsblöcken gesetzt und zusätzlich noch die Handschuhe aus dem Rucksack geholt. Auf die Schutzhütte, die direkt am Gipfel ist, hatte ich dann aber doch keine Lust. Dann lieber unter freiem Himmel frieren.

Benediktenwand im Nebel

Nach dem etwas ungemütlichen Frühstück machte ich mich wieder an den Abstieg. Erst einmal einen Teil des Weges zurück, den ich auch aufgestiegen war. Die Benediktenwand ist laut dem Wanderführer, den ich verwendete nicht direkt auf dem Weg. Trotzdem wollte ich mir diesen kleinen Gipfel nicht entgehen lassen. Und im Abstieg hatte ich dann auch noch eine Begegnung, die mich den vernebelten Sonnenaufgang vergessen ließ.

Der Pfad war rechts und links von Latschenkiefern umgeben, die die Sicht deutlich einschränkten. So kam es, dass ich ziemlich überrascht war, als nach einer Biegung auf einmal zwei kapitale Steinbockmännchen mitten auf dem Weg standen. Diese Tiere wiegen bis zu 100kg und können bis zu einen Meter lange Hörner bekommen. Ziemlich beeindruckend also, wenn gleich zwei davon vor einem im Nebel auf dem Weg stehen und keine Anstalten machen die Flucht zu ergreifen. Was nun tun? Direkt verjagen wollte ich sie natürlich nicht. Auf der anderen Seite musste ich irgendwie vorbei. Also versuchte ich erstmal mich einfach zu nähern. Immer in der Hoffnung, dass es ihnen irgendwann zu nah wird und sie im Gestrüpp aus Latschenkiefern verschwinden. Als ich dann so nah an den beiden ran war, dass ich sie mit meinen Wanderstöcken hätte pieksen können, war es mir dann nah genug. Ich wollte sie ja auch nicht provozieren. Also nahm ich die Kamera und nutzte die Gunst der Stunde für ein paar Fotos aus nächster Nähe.

Steinbock

Irgendwann wurde es den Steinböcken dann doch zu bunt und sie begannen mir voraus den Weg entlang zu laufen. So liefen wir eine ganze Weile gemeinsam meinen Weg entlang, bis die beiden Steinböcke dann doch irgendwann zwischen den Latschenkiefern verschwanden.

Auf einmal war ich wieder unterhalb der Wolke, die den Gipfel der Benediktenwand eingehüllt hatte und hatte das erst Mal für diesen Tag eine wunderbare Fernsicht. Kombiniert mit einer Gams, die auf einmal zwischen den Latschen weiter talwärts ihren Kopf herausstreckte, bot sich mir ein herrlicher Anblick. Genauso unvermittelt, wie sie aufgetaucht war, verschwand sie auch wieder und ich setzte meinen Weg fort.

Endlich dem Nebel entkommen

Als ich wieder zurück auf dem eigentlichen Verlauf des Fernwanderwegs war, begann der Abstieg nach Jachenau. Auf einem steilen, und teilweise matschigen Pfad ging es bergab. Im ersten Teil des Abstiegs führte der Pfad durch einen Wald, der fast ein bisschen wie ein Märchenwald wirkte. Ein bisschen Moos, ein wenig Unterholz, der ein oder andere knorrige Baum und viele kleine Wasserläufe.

Weiter unten lichtete sich der Wald und es ging weiter in einem offenen Tal. Vorbei an einem Wasserfall und dann einen sich ewig hinziehenden und immer flacher werdenden Weg bis nach Jachenau. Dort wartete ein wunderschöner Dorfladen mit einem vielseitigen und frischen Sortiment darauf, Vorräte aufzufüllen und die Zutaten für eine leckere Brotzeit zu verkaufen. Und auf der Bank davor machte ich dann auch eine gemütliche Mittagspause in der Sonne.

Dorfladen in Jachenau

Frisch gestärkt und ausgeruht machte ich mich auf den restlichen Abschnitt meiner Tagesetappe. Kurz hinter Jachenau wusste ich dann auch wieder, dass ich definitiv auf dem richtigen Weg bin – der erste Wegweiser nach Venedig. An dieser Stelle sind es ja auch „nur“ 25 Tagesetappen bis dort.

Hier geht es nach Venedig

Aber etwas kurzfristiger betrachtet trennte mich an dieser Stelle noch die Erhebung die man auf dem Foto oben erkennen kann von meinem Nachtquartier in Vorderriß. Doch bevor es an den Aufstieg ging, galt es erst einmal noch an einem Wachhund vorbeizukommen. Der Weg führt nach Jachenau durch einen Bauernhof mit Hofhund. Und dieser Hund hat scheinbar ein Problem mit Männern. Jeder Mann, der dem Weg über den Hof folgt wird erstmal angekläfft. Ich war ehrlich gesagt heilfroh, dass die Besitzerin den Hund relativ schnell wieder zurückpfiff und ich mich endlich an den Aufstieg machen konnte.

Und der Aufstieg zog sich in die Länge. Meine Schultern schmerzten irgendwann vom Rucksack und auch die Füße fühlten sich nach einiger Zeit nicht mehr so ganz frisch an. Erst ging es über Forstwege und anschließend durch eine hochmoorartige Landschaft mit dem ein oder anderen tiefen Matschloch, das sich nicht wirklich umgehen ließ. Gut dass meine Schuhe wasserdicht waren.

Doch all die Anstrengungen sind vergessen, wenn man plötzlich an einer Kante steht und sich unter einem das Rißtal in Richtung Karwendel öffnet.

Rißtal

Der letzte Abstieg des Tages war kurz aber sehr steil. Der Weg war aber in einem super Zustand, so dass ich sehr zügig vorankam. Auf dem Talboden angekommen, suchte ich mir erstmal ein schönes Plätzchen direkt am Fluss, zog meine Schuhe aus um den Füßen ein wenig Frischluft zu gönnen und genoss es einfach am Ziel der Tagesetappe angekommen zu sein.

Im Gasthof Post, der meine Unterkunft in Vorderriß war, saß ich abends noch mit anderen München-Venedig-Wanderern zusammen im Biergarten, trank mein Radler, hatte ein super leckeres Abendessen und unterhielt mich über alle möglichen Themen. Unter anderem ging es natürlich auch um die Etappe, die am nächsten Tag bevorstehen würde. Die ersten 12km würden ein ewiger Talhatscher werden und zusätzlich noch größtenteils direkt an der Straße entlang verlaufen. Unsere Begeisterung hielt sich deshalb auch etwas in Grenzen. Der zweite Teil versprach dafür deutlich schöner zu werden.