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21.08.2016 - Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Mein erster Schritt vom Bahnhof in Bad Tölz in Richtung Isar war genau in die falsche Richtung. Irgendwie hatte ich direkt zum Einstieg in meine Alpenüberquerung das Kunststück vollbracht nicht den Weg durchs Zentrum von Bad Tölz einzuschlagen, sondern irgendwie genau davon wegzulaufen. Aber man fällt mit einem großen grünen Rucksack auf dem Rücken und Wanderklamotten auf. Vor allem wenn man etwas orientierungslos durch die Gegend läuft. Und so hatte ich das Glück, dass ich mit einem Ehepaar ins Gespräch kam, die gerade ihren Sonntagsspaziergang machten. Kurzerhand boten sie mir an, mir den Weg in Richtung Isar zu zeigen und mich ein kurzes Stück meines Weges zu begleiten.

Aber wie komme ich darauf mich alleine auf den Weg über die Alpen, von Bad Tölz bis nach Belluno, zu begeben?

Diesen Sommer hatte ich mir ein Urlaubssemester von meinem Studium genommen. Die ersten drei Monate waren durch ein Praktikum verplant, aber für die zweite Hälfte wollte mir keine spannende Idee einfallen. Da brachte mich jemand auf die Idee der Alpenüberquerung. Wieso ich da nicht selbst draufgekommen bin, frage ich mich immer noch. Es lag eigentlich auf der Hand. Seit ich mich Anfang des Jahres von meiner Freundin getrennt hatte, standen die Berge wieder hoch im Kurs. Und es wird nie wieder so einfach sein, eine Tour zu gehen, die insgesamt 21 Tagesetappen umfasst.

Denn die Entscheidung fällt recht schnell auf den Traumpfad von München bis Venedig, der mit seinen 29 Etappen vom Marienplatz zum Markusplatz führt. Der E5 von Oberstdorf nach Meran ist mir zu kurz und vor allem Ende August angeblich sehr überlaufen. Die anderen Wege, die ich mir anschaute waren entweder zu lang oder zu schwierig in meinen Augen. Dann kommt dazu, dass ich keine Lust auf die Flachlandetappen hatte. Zwei Tage an der Isar und sechs Etappen hinter Belluno durch die Po-Ebene bis nach Venedig stellte ich mir nicht sonderlich spannend vor. Also diese Etappen noch streichen und heraus kommt: Bad Tölz bis Belluno in 21 Tagesetappen. Einen anderen Verrückten, der sich spontan mit mir auf den Weg über die Alpen machen wollte, war auf die Schnelle nicht zu finden. Also musste es auch alleine gehen.

Blieb nur noch die Frage, was für ein Rucksack und was einpacken. Nur so viel: Ich bin ganz schrecklich im Packen und Priorisieren. Und so landeten am Ende lauter Dinge wie GPS, ein Kilogramm an Karten und natürlich auch meine Spiegelreflexkamera im Rucksack. Und natürlich die ganzen passenden Ladegeräte und Ersatzakkus. Mit Essen und drei Litern Trinken wog dieser ja auch nur 18 Kilogramm. Moment – 18 Kilogramm? Und dabei hatte ich doch schon nur zwei T-Shirts und Unterhosen dabei, die ich regelmäßig per Hand waschen musste. In den ganzen Foren stand etwas von maximal 12 Kilogramm, die man mitnehmen sollte. Ich beschloss, dass es mir egal sein sollte und ich es einfach versuchen würde. Im Notfall könnte ich immer noch bei der nächsten Post ein Paket schnüren und zurück schicken.

Ich packe meinen Koffer...äh...Rucksack

Und so stand ich endlich an der Isar und konnte mein kleines Abenteuer beginnen. Die ersten zwei Stunden die Isar entlang bis nach Lenggries waren zäh. Die Isarauen ganz nett, aber nicht wirklich spannend. Der ebene Schotterweg langweilig. Und außerdem spürte ich nach einer Weile schon unangenehm das Gewicht meines Rucksacks. Hinzu kam, dass sich das Wetter nicht entscheiden konnte. Ab und an regnete es einige wenige Tropfen, dann war wieder alles trocken. Das fing ja gut an und konnte ja eigentlich nur besser werden.

Und das wurde es dann auch. Das Wetter blieb zwar den restlichen Tag eher unbeständig, aber so wirklich nass wurde ich trotzdem nicht. Der Aufstieg aufs Brauneck bot die erste Gelegenheit den Puls mal richtig auf Trab zu bringen. Und die geänderte Körperhaltung im Aufstieg im Vergleich zur ebene löste das Rucksackproblem von ganz alleine. Die Schmerzen in den Schultern lösten sich in Luft auf.

Kurz vor dem Gipfel des Brauneck traf ich Lukas, meinen Namensvetter, und den ersten anderen Traumpfadler. Wir gingen einige Zeit gemeinsam, bevor wir beschlossen, dass jeder den Rest der Etappe in seinem eigenen Tempo gehen würde. Am Ende der Etappe auf der Hütte würde man sich sowieso wieder sehen.

Vom Brauneck Richtung Benediktenwand

Die Wanderung auf dem Grat vom Brauneck bis zur Tutzinger Hütte ist mit ihrer Mischung aus Grünen Hängen und den ersten schroffen Felsen sehr attraktiv und abwechslungsreich. Außerdem hat man einen grandiosen Rundumblick auf die Berglandschaft im Umkreis. Dank des eher mäßigen Wetters waren allerdings außer noch einigen anderen Traumpfadlern kaum jemand unterwegs.

Achselköpfe

Die abwechslungsreiche Etappe führte erst über den Latschenkopf und später über die Achselköpfe. Letztere waren dank der Kombination auf Matsch und glattem Gestein nicht wirklich schön zu laufen. Wobei man sagen muss, dass gerade dieser Wegabschnitt trotz allem ein Highlight der Tagesetappe war.

Unterwegs traf ich immer wieder andere Traumpfadler. Aus allen Altersklassen, mit den verschiedensten Hintergründen und ihren ganz eigenen Motivationen den Traumpfad zu gehen, kam ich mit jedem gut ins Gespräch. Allesamt unglaublich freundliche und offene Menschen.

Achselköpfe

Nach einem letzten Abstieg kam die Tutzinger Hütte endlich in Sicht. Und ehrlich gesagt war ich an diesem Tag froh, als ich endlich meine Schuhe auf der Hütte ausziehen durfte. Meine erste Etappe war auf jeden Fall alles andere als entspannt. Zum Glück blieb an dem Abend nur noch mir einen Lagerplatz für die Nacht zu organisieren, mit Lukas, Ben, Marco, Laura und Lea ein Radler zu trinken und eine warme Mahlzeit zu Essen.

Danach ging es noch vor der offiziellen Hüttenruhe um 22Uhr für mich in Bett, denn ich hatte den Beschluss gefasst am nächsten Morgen zum Sonnenaufgang auf der Benediktenwand zu stehen. Also Wecker stellen, Ohropax in die Ohrenstopfen und die erste Nacht von vielen im Massenlager versuchen ein wenig Schlaf zu finden.

Tutzinger Hütte